Berlin. Der FDP-Bundesschatzmeister und Parlamentarische Geschäftsführer der
FDP-Bundestagsfraktion, OTTO FRICKE, gab dem "Tagesspiegel" (Mittwoch-Ausgabe)
das folgende Interview. Die Fragen stellte RAINER WORATSCHKA:
Frage: Herr Fricke, Ihr Parteivorsitzender sagt, ein Austritt Griechenlands aus
dem Euro habe seinen Schrecken verloren. Wie sinnvoll ist es, zum jetzigen
Zeitpunkt darüber zu spekulieren?
FRICKE: Über einen Rausschmiss braucht man nicht zu spekulieren, der ist
rechtlich
nicht möglich. Und bei der Frage, ob Griechenland drin bleibt oder nicht, gilt,
was
wir gesagt haben: Wir wollen den unabhängigen Troika-Bericht, und auf dieser
Basis können wir sehen, ob die Griechen ihre vertraglichen Verpflichtungen
eingehalten
haben. Wenn das nicht der Fall ist, gibt es auch keine entsprechenden
Verpflichtungen
unsererseits. Nicht mehr aber auch nicht weniger hat der
Bundeswirtschaftsminister
gesagt.
Frage: Aber er prognostizierte, Athen werde die Auflagen nicht erfüllen. Ist
das hilfreich?
FRICKE: Bei der Kritik daran ist auch ein bisschen Ärger derjenigen dabei, die
das ebenfalls gerne gesagt hätten, denen der Wirtschaftsminister aber
zuvorgekommen ist.
Die Koalition hat immer klar gemacht, der unabhängige Troika-Bericht ist Basis
unseres
Handelns. Aber man kann ja nicht sagen: Ich warte einfach ab und stelle mich
bis dahin blind und taub. Als Politiker müssen wir deutlich machen, wo Risiken
sind und welche Risiken, anders als noch vor einem Jahr, beherrschbar
sind.
Frage: Das Auswärtige Amt warnt davor, das Ausscheiden eines Landes
"herbeizureden".
FRICKE: Stimmt, aber Griechenland hat das selbst in der Hand. Nicht wir reden
ein Ausscheiden herbei, Griechenland kann es durch eigenes Tun verhindern.
Deswegen haben wir auf sachkundiger Ebene wiederholt Hilfe angeboten.
Frage: Mit Spekulationen kann man Dinge auch vorantreiben, ein
Wirtschaftsminister
müsste das besser wissen als jeder andere. Müsste er nicht vorsichtiger
sein?
FRICKE: Er muss beides tun. Vorsichtig sein mit Spekulationen, aber auch die
Realitäten
benennen. Nichts ist schlimmer in der Politik, als zu sagen, es wird schon gut
gehen.
Wer zu sagen wagt, dass der König keine Kleider trägt, wird erst mal
kritisiert. Später werden aber viele sagen: Es war richtig, dass es endlich
einer ausgesprochen hat. Wenn Politik die Tatsachen aus Angst vor ihnen nicht
benennt, ist das genau das, was die Bürger von der Politik nicht
erwarten.
Frage: Ihr Generalsekretär sagt, ein Austritt Griechenland würde allen anderen
helfen. Sehen Sie das auch so?
FRICKE: Man muss unterscheiden, was der Austritt für die Bilanzen bedeuten
würde und
wie die Menschen darauf reagieren. Beides lässt sich nicht vorhersagen. Eine
unkontrollierte Pleite wäre für Deutschland ebenso ein Problem gewesen, wie
bedingungslose Hilfspakete oder gar eine Vergemeinschaftung aller Schulden, wie
sie
Rot-Grün will.
Frage: Wollen Rösler und die FDP die Koalition auf eine andere Linie
zwingen?
FRICKE: Nein, da geht es nicht um die FDP. Die CSU hat dem Vizekanzler doch
längst
Recht gegeben. Und auch mit der CDU besteht in dieser Frage weitgehend
Konsens.
Wir sind Europäer, wir sind bereit zu helfen, aber es gibt Grenzen der
Belastbarkeit. Ich bin mir sicher: Unter dieser Koalition wird es ein drittes
Griechenland-Paket, etwa mit neuerlichen zweistelligen Milliardenhilfen, nicht
geben.
FRICKE-INTERVIEW FÜR DEN "TAGESSPIEGEL"http://www.otto-fricke.de/content/fricke-interview-f%C3%BCr-den-tagesspiegel